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Sonntag, 25.01.2026
Markus Piller, Experte im Referentennetzwerk der Beratung digitale Bildung, stellt seine Erfahrungen mit Vibe-Coding dar:
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Kennen Sie das? Sie haben eine klare Idee für eine kleine App oder eine interaktive Anwendung, die Ihnen den Unterricht erleichtern oder einen komplexen Sachverhalt für Ihre Schülerinnen und Schüler anschaulich machen würde – aber genau diese Anwendung existiert schlicht nicht. Oder sie ist zu kompliziert, zu teuer oder didaktisch nicht das, was Sie brauchen.
Von der Ausstellung in den Unterricht
Seit ich in einem Short einer Kunstausstellung ein Meter hohes Wackelbild (Link führt zu YouTube - Daten können übermittelt werden) gesehen habe, lässt mich der Gedanke nicht mehr los. Das Bild zeigte das Porträt einer jungen Frau – und sobald man daran vorbeiging, verwandelte sie sich in ihr altes Selbst. Zwei Bilder, geschickt in schmale Streifen zerlegt und abwechselnd angeordnet. Bewegung macht Bedeutung sichtbar.
Mein Traum: so etwas einmal mit einer Klasse umzusetzen – zum Beispiel zu einem religiösen oder ethischen Thema wie Identität, Wandel, Lebensphasen oder Perspektivwechsel.
Ein erster Test zuhause funktionierte überraschend gut: Ein Porträt meines Kindes, das sich beim Vorbeigehen in einen Clown verwandelte. Der Effekt war stark – die Umsetzung allerdings mühsam. Zwei Bilder händisch in Streifen zu schneiden, diese exakt alternierend anzuordnen und wieder zusammenzukleben, kostet Zeit, Nerven und Präzision.
Und da kam die Frage auf: Wie cool wäre es, die beiden Bilder einfach in ein Programm zu laden – und den Rest automatisch erledigen zu lassen?
Vom Wunsch zur Umsetzung – mit KI
Online-Recherchen blieben zunächst ernüchternd. Entweder fand ich gar nichts Passendes oder die existierende Software war teuer und für den schulischen Kontext wenig praktikabel. Auch meine Informatiker-Freunde winkten ab: Die Entwicklung eines solchen Programms sei möglich, aber im Verhältnis zum Nutzen schlicht zu aufwändig.
Im Dezember 2024 kam dann ein neuer Gedanke ins Spiel. ChatGPT veröffentlichte sein erstes „denkendes“ Modell (ChatGPT o1), und plötzlich überschlugen sich in der Fachwelt die Berichte über seine stark verbesserten Programmierfähigkeiten. Und ich überlegte: Vielleicht kann mir ChatGPT genau dieses lang ersehnte Programm coden.
„Hey ChatGPT, mal eine Frage: Ich hätte da eine Idee …“
Nach einer kurzen Unterhaltung legte die KI los. Wenige Sekunden später lag der vollständige Programmcode vor mir. Auf Nachfrage erklärte mir ChatGPT auch gleich, wie ich den Python-Code in eine lauffähige Anwendung verpacken konnte.
Und tatsächlich: Meine eigene (funktionierende) Lentikular-App war fertig!

Ein zweites Beispiel aus dem Unterricht:
Ich möchte den Sachverhalt Emergenz erklären – also das Entstehen von Ordnung aus scheinbarem Zufall. Theoretisch lässt sich das beschreiben, aber wirklich verständlich wird es erst, wenn man es sieht.
Ein klassisches Beispiel ist das Chaos Game mit dem Sierpinski-Dreieck:
Innerhalb einer Dreiecksfläche wird ein Punkt zufällig gesetzt. Dann wird immer wieder zufällig eine der drei Ecken „gewürfelt“, und ein neuer Punkt genau in der Mitte zwischen dem vorherigen Punkt und dieser Ecke gesetzt. Jeder neue Punkt entsteht zufällig – und doch zeigt sich mit zunehmender Anzahl ein verblüffendes Muster: Dreiecke in Dreiecken, scheinbar unendlich verschachtelt.
Lang erklärt – in Sekunden verstanden, wenn man es live sieht. Und plötzlich war der Gedanke da: Moment … könnte mir die KI dafür nicht einfach eine kleine App bauen?
„Hey ChatGPT, erstelle mir eine interaktive HTML mit dem Chaos Game (Sierpinski-Dreieck).“

Vibe-Coding – Coden ohne Programmierkenntnisse
Was hier passiert, nennt man Vibe-Coding: Man beschreibt einer KI nicht wie etwas technisch umgesetzt werden muss, sondern was man erreichen möchte – didaktisch, gestalterisch, funktional. Die KI übersetzt diese Idee in funktionierenden Code.
Das Entscheidende:
Man braucht keine klassischen Programmierkenntnisse. Wichtig sind stattdessen:
- eine klare didaktische Idee
- die Fähigkeit, Anforderungen präzise zu formulieren
- und die Bereitschaft, iterativ zu experimentieren
Für uns Lehrkräfte eröffnet das völlig neue Möglichkeiten.
Unterrichtsideen zur Inspiration
- Fremdsprachen
Interaktive Vokabeltrainer, kleine Dialog-Simulationen, Hör-/Sprechübungen mit variablen Schwierigkeitsgraden.
- Mathematik
Dynamische Geometrie, Zufallsprozesse, Simulationen (z. B. Wahrscheinlichkeit, Chaos, Grenzwerte).
- Naturwissenschaften
Virtuelle Experimente, Modellierungen von Systemen, Zeitraffer-Simulationen (z. B. Diffusion, Wachstum, Zerfall).
- Deutsch
Interaktive Erzählstrukturen, Perspektivwechsel in Texten, alternative Handlungsverläufe.
- Musik
Rhythmus-Trainer, visuelle Darstellungen von Harmonien, generative Pattern.
- Ethik / Religion
Visualisierung abstrakter Konzepte wie Identität, Schuld, Verantwortung, Emergenz, Freiheit.
- Kunst
Digitale Transformationen, Bewegungs- und Wahrnehmungsexperimente, interaktive Bildkompositionen.
Weitere Ideen und Anleitungen finden Sie auch auf dieser Seite.
Und welche KI eignet sich dafür?
Aktuell besonders geeignet sind KIs, die Code generieren und erklären können, z. B. für HTML, JavaScript oder einfache Apps. Wichtig ist weniger der „perfekte Code“ als die Möglichkeit, gemeinsam mit der KI schrittweise zu verfeinern: ausprobieren, anpassen, verbessern.
Aktuell eignen sich dafür besonders Modelle wie ChatGPT 5.2 Thinking, Gemini 3 oder Claude 4.5. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung der letzten Jahre sehr deutlich: Mit nahezu jedem größeren Update machen die großen Sprachmodelle enorme Sprünge. Die führenden Anbieter liefern sich ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen – eines, bei dem wir als Anwender kaum Schritt halten können, wenn wir versuchen, jederzeit den vollständigen Überblick zu behalten.
Am Ende ist die Frage nach der „besten“ KI deshalb oft weniger entscheidend als gedacht. Welche KI ich konkret nutze, hängt vor allem von meinen eigenen Gewohnheiten ab – und davon, welches Werkzeug mir im jeweiligen Moment am schnellsten hilft, eine Idee umzusetzen.
Fazit
KI ersetzt keine didaktische Idee (wenngleich sie dazu inspirieren kann) – aber sie senkt die technische Hürde dramatisch. Was früher an fehlender Software scheiterte, lässt sich heute oft einfach selbst umsetzen. Nicht perfekt, nicht immer sofort – aber funktional, kreativ und genau auf den eigenen Unterricht zugeschnitten.
Vielleicht ist die wichtigste Frage also nicht mehr: „Gibt es dafür eine App?“
…sondern: „Wie würde meine ideale App aussehen?“
Und dann: einfach fragen.
Autor dieses Newsletterbeitrags ist Markus Piller. Herr Piller ist Mitglied des Teams der Expertinnen und Experten im Referentennetzwerk digitale Bildung für die Gymnasien in der Oberpfalz.
Wenn Sie interaktive Vibe-Coding Produkte ausprobieren möchten, finden Sie bei den aktuellen Beiträgen auf der Homepage der Beratung Digitale Bildung Beispiele! www.gymnasium-oberpfalz.de
Mit besten Grüßen aus der MB-Dienststelle
David Bartmann (iBdB), Michael Schmid (mBdB) und das Expertenteam der Beratung digitale Bildung |