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Sonntag, 08.02.2026
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Als Lehrkraft bewegt man sich natürlich in seiner eigenen "Medien-Bubble". Computerspiele gehören normalerweise nicht hier hinein. Jedoch können Computerspiele überraschend große didaktische Potenziale entfalten, die die klassischen Schulmedien teils weit übertreffen.
Markus Piller, Experte im Referentennetzwerk digitale Bildung, beschreibt im folgenden Beitrag, wie er den Ansatz des "Game-based Learning" zur Veranschaulichung einer Lektürestunde in der 9. Klasse genutzt hat. Mit Hilfe des bekannten Computerspiels "Assassin's Creed" setzt er dabei eine zentrale Forderung des K+5-Modells für guten digitalen Unterricht überzeugend in die Praxis um.
"Vom Leuchtturm ins Klassenzimmer:
Game-based Learning mit Assassin's Creed"
„Machen wir hier einen Augenblick halt, um das außergewöhnliche Panorama zu genießen, das sich den Augen eines Reisenden bietet, der es auf sich genommen hat, die mehrere hundert Stufen der Wendeltreppe hinaufzusteigen, die zur Spitze des Leuchtturms führen. Blicken Sie nach Norden. Das Mittelmeer erstreckt sich, so weit das Auge reicht. Von hier oben aus können Sie die Handelsschiffe mehr als fünfzig Kilometer weit kommen sehen. Eines fährt, den Bauch voller Waren, an Ihnen vorbei in den Hafen. (…) Wenn Sie Ihren Blick jetzt nach Süden richten, liegt das Nildelta vor Ihnen. Fünf Kilometer landeinwärts sehen Sie eine Salzwasserfläche, die sich über das Delta hinwegerstreckt: den Mareotis-See. Auf dem breiten Streifen zwischen diesem See und dem Meer stellt die Stadt Alexandria ihren Glanz zur Schau. Alexandria ist eine neue und moderne Stadt. Da und dort können Sie noch einige Baustellen sehen. Auf der Insel Pharos gibt es nicht nur den Leuchtturm, sondern auch einen Isis-Tempel. Die Alexandriner erreichen ihn über das Heptastadion, einen 1300 Meter langen Damm, der den Hafen in zwei getrennte Becken teilt. Vom Leuchtturm herab können Sie die winzigen Silhouetten der Passanten sehen. Wer aufs Festland zurückkehrt, gelangt ins Königliche Viertel, in dem sich der Palast des Ptolemaios, das Theater und der Poseidon-Tempel befinden. Etwas weiter westlich zieht vor allem ein imposantes Bauwerk die Aufmerksamkeit auf sich: das Museion. Dorthin begeben wir uns jetzt. (…) Wen wird man später zu den berühmtesten Bewohnern des Museions zählen? Sicher Eratosthenes von Kyrene, den Ägypter mit griechischen Wurzeln, der als Erster den Erdumfang präzise bestimmte. Außerdem Euklid, der in Alexandria den größten Teil seiner Elemente verfasst hat. Erwähnt sei auch der Algebraiker Diophantos, Autor eines berühmten Werkes über die Gleichungen, denen man später seinen Namen geben wird."
(Launay, Mickaël, Der große Roman der Mathematik, 2019, S. 89 ff.)
Als ich im Sommerurlaub 2019 dieses Kapitel aus dem "Großen Roman der Mathematik" las, empfand ich eine Art Déjà-vu. Die beschriebene Szene hatte ich doch wirklich schon mal gesehen, Moment… ja genau! In Assassin’s Creed Origins.
Ich öffnete den Laptop, startete das Spiel, aktivierte den Discovery‑Modus und nutzte die Schnellreise nach Alexandria. Dort bot sich mir eine Szenerie, die Launays Beschreibung nahezu vollständig entsprach: der Leuchtturm, der Hafen, die Stadt – und sogar ein Handelsschiff, das im passenden Moment einlief. Ein zufälliges Zusammentreffen vielleicht, didaktisch jedoch ein bemerkenswerter Glücksfall.
Von Assassinen, Historikern und sehr friedlichen Schülern
Zugegeben: Die Assassin’s-Creed-Reihe ist ursprünglich eher für Meucheleien als für didaktische Inhalte bekannt. Seit dem ersten Teil (2007, Das Heilige Land zur Zeit der Kreuzzüge) reiste die Serie jedoch unter anderem durch Florenz, Venedig, Rom, Paris, London – und schließlich ins antike Ägypten.
Gerade Origins (2017) ist dabei bemerkenswert:
- Die Spielwelt umfasst rund 80 km² – ein gewaltiger, frei begehbarer historischer Raum.
- Ubisoft arbeitete mit Historiker:innen und Archäolog:innen zusammen, rekonstruierte Städte nach aktuellem Forschungsstand und ließ sogar altägyptische Sprachelemente für NPCs (non-playable characters) einsprechen.
- Das antike Alexandria wurde erstaunlich detailreich und maßstabsnah umgesetzt.
Selbst Archäologieexperten zeigen sich von der dargestellten Welt beeindruckt: Dies sind einige Zitate aus einem YouTube-Video, (durch Anklicken des Links können Daten an YouTube übermittelt werden.) in dem die Ägyptologin Gemma Renshaw sich sehr positiv über die Spielewelt äußert:
(Bildquelle: Screenshot von YouTube)
- “This is actually really really nice. … the overall layout [is] really pretty good and accurate to what is actually there. It’s really nice.” (06:11–06:30)
- “I love this view up here. It’s so beautiful. They did such a great job of getting the feel of the area.” (28:08–28:15)
- “In terms of temple architecture … they really did nail it actually… they made a lot of effort to make it feel authentic and to include things that you really would see there.” (48:54–49:27)
- “I think that what they’ve done here with this is actually a really nice representation.” (03:21–03:29)
Unterrichtsmoment: Wenn ein Buch lebendig wird
Zurück nach Alexandria.
Ich startete den Discovery-Modus – eine gewaltfreie Variante des Spiels – und sprang per Schnellreise auf die Insel Pharos.

Bildquelle: https://www.ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/
Dann las ich Launays Text erneut. Und diesmal folgte ich ihm: Ein Schiff lief genau in dem Moment in den Hafen ein, als es im Buch beschrieben wurde. Blick nach Norden: Mittelmeer. Blick nach Süden: Mareotis-See. Das war kein Gimmick mehr – das war Immersion.
Einige Wochen später saß ich mit einer 9. Klasse im Klassenzimmer:
- Ein Schüler las den Text aus dem Buch.
- Parallel zeigte ich über den Beamer das entsprechende Panorama im Spiel.
- Anschließend „reisten“ wir gemeinsam zur Bibliothek von Alexandria.
Ein besonderes Easter-Egg:
In der virtuell rekonstruierten Bibliothek findet sich tatsächlich die Skizze von Eratosthenes, mit der er um 300 v. Chr. den Erdumfang erstaunlich genau bestimmte. Kreisberechnung? Antike? Plötzlich keine abstrakten Begriffe mehr, sondern ein Ort mit Geschichte.

Bildquelle: https://www.ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/
Discovery-Modus: Ein Geschenk für den Unterricht
Weil der Spieleentwickler Ubisoft selbst merkte, wie viel Bildungspotenzial hier steckt, gibt es seit AC Origins, AC Odyssey und AC Valhalla einen eigenen Discovery-Modus. In diesem Modus gibt es keine Kämpfe und keine Gewalt. Stattdessen erlebt man über 75 interaktive Stadt- und Themenführungen (allein in Assassin’s Creed Origins) zu Alltag, Religion, Wissenschaft, Politik, Architektur und vielen weiteren Bereichen. Der Modus verwandelt die Spielwelt in ein frei erkundbares, historisches Museum, das vollständig auf Wissensvermittlung ausgerichtet ist. So wird das Spiel nicht nur für Mathematik oder Geschichte interessant, sondern auch für viele weitere Fächer wie Geografie, Kunst, Ethik, … für mich als Religionslehrer besonders spannend: Mythische Weltsichten, Götterbilder, Rituale – und ja, wer genau hinsieht, findet in der Wüste sogar einen brennenden Dornbusch.
Fazit für medieninteressierte Lehrkräfte
Ja, man braucht einen Gaming-Laptop. Ja, man sollte die Steuerung halbwegs beherrschen (keine Sorge: Die Schüler helfen gern). Aber dann bekommt man etwas Seltenes: ein Wow-Erlebnis, das Inhalte nicht nur erklärt, sondern erfahrbar macht – räumlich, emotional, nachhaltig.
Vielleicht inspiriert Sie dieser Ansatz dazu, eigene kreative Ideen für lebendigen, digitalen Unterricht zu entwickeln.
Autor dieses Newsletterbeitrags ist Markus Piller. Herr Piller ist Mitglied des Teams der Expertinnen und Experten im Referentennetzwerk digitale Bildung für die Gymnasien in der Oberpfalz.
Mit besten Grüßen aus der MB-Dienststelle
David Bartmann (iBdB), Michael Schmid (mBdB) und das Expertenteam der Beratung digitale Bildung |