Entsprechend intensiv wird aktuell die Diskussion über Sinn und Zukunft von Hausaufgaben geführt. Medien und Verbände thematisieren vermehrt die Frage, ob Hausaufgaben in ihrer bisherigen Form noch zeitgemäß sind, etwa der NDR in seinem Artikel „KI an Schulen: Macht ChatGPT Hausaufgaben überflüssig?“, sowie der BLLV in seinem Onlinebeitrag „Abkehr vom Prinzip Hausaufgaben?“.
Was kann man als Lehrkraft tun?
Eine hundertprozentige Lösung für dieses KI-Hausaufgabenproblem existiert nicht, da sich das Lernverhalten von Schülerinnen und Schülern bei der häuslichen Bearbeitung einer direkten pädagogischen Beobachtung entzieht (tatsächlich ein Umstand, den es schon immer gab!).
Dennoch gibt es drei zentrale Stellschrauben, mit denen Hausaufgaben in Zeiten von KI sinnvoll weiterentwickelt werden können.
Stellschraube 1: Aufgaben verändern – weg von „promptbaren“ Aufgaben – hin zur persönlichen und grafischen Elaboration von Inhalten
Wenn eine Lehrkraft eine Hausaufgabe formuliert, die – wie das oben dargestellte Beispiel der Erörterung – als Prompt funktioniert, liegt die Versuchung für die Nutzung von KI viel zu nahe. Stattdessen sollten bereits erstellte Inhalte zu Hause weiterbearbeitet werden.
- Z. B. Texte, die im Unterricht verfasst wurden, sollen an bestimmten Stellen um einen weiteren Absatz erweitert werden.
- An einer definierten Stelle im Text soll die persönliche Meinung in den Text eingebracht werden.
- Ein Inhalt oder ein Aspekt soll durch ein passendes Beispiel an zwei Stellen im Text erweitert werden.
- Für eine Aussage oder ein Problem soll eine passende Internetquelle hinzugefügt werden.
- Die Inhalte sollen als Diagramm oder Strukturgrafik dargestellt werden.
- Im Text oder in der Aufgabe sollen bestimmte Teile markiert werden.
- ...
Das Grundprinzip der Weiterbearbeitung und Elaborierung von Inhalten basiert immer auf einer bereits erstellten Grundlage. Diese Grundlage muss der KI erst zur Verfügung gestellt werden, um passende Ergebnisse zu erzielen. Wenn dann auch noch grafische Hervorhebungen und Ergänzungen verlangt sind, kann die KI zwar immer noch alles leisten, aber die Umsetzung ist dann so komplex und zeitintensiv, dass es sich oft anbietet, die Aufgaben lieber selbst zu bearbeiten. Die KI liefert in diesem Szenario weiterhin Unterstützung, liefert aber nicht automatisch und sofort die Komplettlösung.
Stellschraube 2: Die Schülerdokumentation, wie man mit KI gearbeitet hat
Auch bei dieser Stellschraube ist ein Ausgangsmaterial nötig. Dieses Ausgangsmaterial, z. B. ein Hefteintrag, wird der KI zur Verfügung gestellt. (Wichtig: Hier muss dem Lernenden bewusst sein, was er in eine KI hochladen darf und was nicht, da er dadurch gegen Urheberrechte verstößt – alle Informationen hierzu wurden bereits in diesem Newsletter und in diesem Newsletter vorgestellt.)
Der Lernende erhält als Hausaufgabe z. B. folgenden KI-Prompt:
„Stelle mir drei Verständnisfragen zum Unterrichtsinhalt. Bewerte meine Antworten und gib mir Rückmeldung darüber, ob ich alles richtig verstanden habe. Wenn du meinst, dass ich das Thema erfasst habe, bereite mich dann auf eine Lehrerabfrage vor, indem du die Rolle der Lehrkraft einnimmst, die mich zu Beginn der Stunde abfragt. Gib mir am Ende eine Note auf meine Abfrage!“
Der Schüler speichert den Chatverlauf mit der KI und stellt seinen Lernprozess im Unterricht vor.
Oder:
„Ich muss diese Lateinvokabeln bis morgen lernen. Hilf mir, diese in ganzen Sätzen in verschiedenen Formen zu verwenden. Lass uns erst üben, und wenn du denkst, dass ich sie gut genug kann, erstelle mir einen Vokabeltest, den du dann auch benotest.“
Der Schüler speichert den Chatverlauf mit der KI und stellt seinen Lernprozess im Unterricht vor.
Stellschraube 3: Die Eigenverantwortlichkeit für die Effektivität des Lernprozesses beim Schüler bewusst machen – "falsches" und "richtiges" Prompten
Dies ist wohl die herausforderndste medienpädagogische Aufgabe, die sich einer Lehrkraft stellen kann. Die KI hätte das Potenzial dazu, fast jeden Lernprozess optimal zu begleiten und zu unterstützen, wenn der Lernende nur in der Lage wäre, sie pädagogisch individuell richtig für sich zu nutzen.
Es muss in Schulen bewusst gemacht werden, dass es immer einen „falschen“ Prompt gibt, bei dem man einfach nur eine fertige Lösung bekommt und selbst nichts lernt, und einen dazu passenden „richtigen“ Prompt, der einen dazu bringt, zu verstehen, nachzudenken und sich zu verbessern.
Die falschen Prompts sorgen für Passivität, dafür, dass man nicht mehr eigenständig denkt oder Probleme löst, und zerstören Kreativität und Individualität. Kurz gesagt: Sie machen dumm.
Die richtigen Prompts hingegen können einen Lernenden begleiten und individuell unterstützen, sie können ihn schlauer machen.
Schüler müssen wissen, dass schlechte Prompts in der Schule immer ergebnisorientiert sind und gute Prompts immer prozessorientiert sind.
In der Schule, beim Lernen und bei Hausaufgaben sollte jeder Prompt immer irgendeine Form von Prozessorientierung beinhalten.
Um zu lernen, sollten Prompts niemals ein fertiges Ergebnis liefern, sondern immer nur Teilschritte auf dem Weg zum Ergebnis. Zudem kann einen die KI individuell fördern. Sie soll dazu aufgefordert werden, so lange zu unterstützen, bis ein Zwischenschritt erreicht wurde.
Zudem sollen Feedback und Reflexion den Lernenden unterstützen, seine Schwierigkeiten und Verständnisprobleme zu bewältigen und ihn dazu aktivieren, sich mit Problemen und Herausforderungen zu beschäftigen.
Ein pädagogisch guter prozessorientierter Prompt hat demnach bis zu vier Aspekte in sich vereint:
• Fragen statt fertiger Antworten
• Schritt-für-Schritt-Unterstützung
• individuelle Förderung
• Feedback und Reflexion
Im Folgenden haben wir für verschiedene Fächer Beispiele für „dumme“ und „schlaue“ Prompts zusammengestellt, die dieses Prinzip verdeutlichen. Ergänzend finden Sie im Materialbereich mehrere DIN-A3-Poster zum Thema „Prompting in der Schule“, die sich für den Einsatz im Klassenzimmer eignen. Die Poster unterliegen der Public-Domain Lizenz und können frei verwendet werden. Wir würden uns freuen, wenn Sie diese Materialien an Ihrer Schule nutzen!

Liste von Beispielprompts (fächerspezifisch)
Deutsch
Dumm:
„Schreibe mir eine vollständige Interpretation zu Gedicht X.“
Schlau:
„Analysiere meinen Interpretationsansatz zu Gedicht X, stelle kritische Rückfragen und zeige mir, wie ich meine Argumentation verbessern kann.“
Deutsch (Grammatik)
Dumm:
„Korrigiere meinen Text vollständig.“
Schlau:
„Markiere meine Fehler, erkläre mir die Regel dahinter und gib mir ähnliche Übungen, damit ich die Fehler künftig selbst vermeiden kann.“
Englisch
Dumm:
„Übersetze diesen Text ins Englische.“
Schlau:
„Hilf mir, diesen Text selbst zu übersetzen, erkläre schwierige Stellen und gib mir Feedback zu meinen Formulierungen.“
Englisch (Writing)
Dumm:
„Schreibe mir einen perfekten Essay zum Thema X.“
Schlau:
„Bewerte meinen Essay nach Kriterien und zeige mir konkret, wie ich ihn verbessern kann, ohne ihn komplett neu zu schreiben.“
Mathematik
Dumm:
„Löse diese Aufgaben vollständig.“
Schlau:
„Gib mir nicht sofort die Lösung, sondern nur die Hilfe, die ich brauche, um den nächsten Schritt selbst zu schaffen.“
Mathematik (Transfer)
Dumm:
„Gib mir die Lösung und das Ergebnis.“
Schlau:
„Erkläre mir das Prinzip hinter der Aufgabe und führe mich mit kleinen Hinweisen schrittweise zur Lösung.“
Physik
Dumm:
„Gib mir die fertigen Lösungen zu diesen Aufgaben.“
Schlau:
„Gib mir Hinweise zu den nächsten Schritten und erkläre mir die physikalischen Prinzipien dahinter.“
Physik (Verständnis)
Dumm:
„Erkläre mir kurz die Formel.“
Schlau:
„Erkläre mir jede Größe der Formel und gib mir Beispiele, wann und wie ich sie anwenden kann.“
Chemie
Dumm:
„Nenne mir die richtige Reaktionsgleichung.“
Schlau:
„Gib mir Hinweise, wie ich die Reaktionsgleichung selbst aufstellen kann, und überprüfe danach mein Ergebnis.“
Chemie (Verständnis)
Dumm:
„Gib mir die Lösung der Aufgaben.“
Schlau:
„Stelle mir Leitfragen zum Reaktionsmechanismus und gib mir nur so viel Hilfe, dass ich den nächsten Schritt selbst gehen kann.“
Biologie
Dumm:
„Gib mir eine Zusammenfassung des Themas.“
Schlau:
„Stelle mir Fragen zum Thema, damit ich die Zusammenhänge selbst erklären kann.“
Biologie (Transfer)
Dumm:
„Erkläre mir alles Wichtige.“
Schlau:
„Lass mich das Thema in eigenen Worten erklären und ergänze oder korrigiere mich gezielt.“
Geschichte
Dumm:
„Schreibe mir eine fertige Hausaufgabe.“
Schlau:
„Analysiere meine Argumentation und zeige mir durch Rückfragen und Gegenargumente, wie ich sie verbessern kann.“
Geschichte (Urteilsbildung)
Dumm:
„Gib mir die wichtigsten Fakten als Liste.“
Schlau:
„Hilf mir, Ursachen und Folgen selbst zu strukturieren und kritisch zu bewerten.“
Geographie
Dumm:
„Erstelle mir ein Referat zum Thema Klimawandel.“
Schlau:
„Hilf mir, eine eigene Gliederung zu entwickeln und gib mir Feedback zu meinen Ideen.“
Geographie (Analyse)
Dumm:
„Gib mir die fertigen Antworten.“
Schlau:
„Gib mir Hinweise, wie ich Karten oder Diagramme selbst analysieren kann, und überprüfe mein Ergebnis.“
Informatik
Dumm:
„Schreibe mir den Code.“
Schlau:
„Gib mir schrittweise Hinweise, damit ich den Code selbst entwickeln kann.“
Informatik (Fehlersuche)
Dumm:
„Korrigiere meinen Code komplett.“
Schlau:
„Zeige mir die Fehler und gib mir Hinweise, damit ich sie selbst beheben kann.“
Wirtschaft
Dumm:
„Gib mir die Antworten auf die Aufgaben.“
Schlau:
„Diskutiere mit mir Lösungswege und stelle Fragen, damit ich die Zusammenhänge selbst verstehe.“
Wirtschaft (Transfer)
Dumm:
„Erkläre mir die Begriffe.“
Schlau:
„Lass mich die Begriffe anhand von Beispielen anwenden und gib mir Feedback.“
Religion / Ethik
Dumm:
„Schreibe mir eine fertige Stellungnahme.“
Schlau:
„Hinterfrage meine Position mit Gegenargumenten und hilf mir, meine Argumentation zu verbessern.“
Allgemein (Lernen)
Dumm:
„Fasse mir den Stoff zusammen.“
Schlau:
„Stelle mir Fragen und kleine Aufgaben, damit ich mein Wissen selbst überprüfen kann.“
Allgemein (Prüfungsvorbereitung)
Dumm:
„Gib mir die Antworten auf mögliche Prüfungsfragen.“
Schlau:
„Gib mir nur Hinweise und Feedback, damit ich meine Antworten selbst verbessern kann.“