Im heutigen Newsletter stellt Ihnen der Herr Stefan Klein, Lehrkraft für die Fächer Informatik, Mathematik und Physik am Goethe-Gymnasium in Regensburg und Experte im Referentennetzwerk für Digitale Bildung an den Gymnasien in der Oberpfalz, seine Erfahrungen mit digitaler Wochenplanarbeit vor.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wenn über digitale Bildung gesprochen wird, stehen häufig Geräte, Lernplattformen oder neue Softwarelösungen im Mittelpunkt. In meinem eigenen Unterricht war die Digitalisierung jedoch nie der Ausgangspunkt für die Einführung der digitalen Wochenplanarbeit. Der Ursprung lag vielmehr in einer pädagogischen Herausforderung.
Die Idee entstand während meiner Tätigkeit an der Deutschen Schule Madrid. Dort waren Grundschule und weiterführende Schule eng miteinander verzahnt. Als ich erstmals eine fünfte Klasse übernahm, fiel mir auf, dass viele Schülerinnen und Schüler aus der Grundschule die Arbeit mit Wochenplänen gewohnt waren und überrascht reagierten, dass nun klassische Hausaufgaben einen so großen Stellenwert einnahmen.
Gleichzeitig unterrichtete ich Klassen mit einer enormen Heterogenität. In einigen Lerngruppen arbeiteten Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Schularten gemeinsam. Leistungsstarke Lernende benötigten zusätzliche Herausforderungen, während andere deutlich mehr Unterstützung brauchten. Besonders problematisch erschien mir dabei die unterschiedliche Unterstützung im Elternhaus. Manche Schülerinnen und Schüler konnten jederzeit auf Hilfe zurückgreifen, andere waren bei den Hausaufgaben vollständig auf sich allein gestellt.
Die Frage lautete daher: Wie kann Übungszeit gerechter gestaltet werden?
Meine Antwort darauf war es, die Wochenplanarbeit schrittweise einzuführen, die ich seit 2018 in unterschiedlichen Jahrgangsstufen einsetze und die sich insbesondere im Mathematikunterricht ab Jahrgangsstufe 7 bewährt hat.
Ein Praxisbeispiel aus dem Mathematikunterricht
Ein typisches Beispiel stammt aus einer 9. Klasse Mathematik mit vier Wochenstunden.
Die erste Unterrichtsstunde folgt weitgehend einem klassischen Aufbau. Ein neues Thema wird eingeführt, gemeinsam erarbeitet und im Regelheft gesichert. Anschließend erhalten die Schülerinnen und Schüler ihren Wochenplan.
Der Wochenplan liegt ausgedruckt vor und enthält Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeitsgraden. Jede Aufgabe ist mit Punkten versehen. Für die Woche wird ein Punkteziel festgelegt, beispielsweise 100 Punkte.
In den folgenden Unterrichtsstunden arbeiten die Schülerinnen und Schüler weitgehend selbstständig an ihren Aufgaben. Die Lösungen stehen ihnen in mebis zur Verfügung. Fehler werden eigenständig kontrolliert und sichtbar in einer anderen Farbe korrigiert. Die Lehrkraft kontrolliert nicht jede einzelne Rechnung, sondern begleitet den Lernprozess.
Die letzte Stunde der Woche dient überwiegend der Fertigstellung und Abgabe des Wochenplans. Die Schülerinnen und Schüler reichen ihre Ergebnisse über mebis ein. Die erreichten Punkte werden dokumentiert und für die Lernenden transparent dargestellt.
Der Wochenplan ersetzt dabei einen erheblichen Teil der klassischen Hausaufgabenarbeit. Übungszeit wird bewusst in den Unterricht verlagert.
Vom Wissensvermittler zum Coach
Der größte Gewinn entsteht dabei nach meiner Einschätzung nicht durch die Technik, sondern durch die veränderte Rolle der Lehrkraft. Während früher Unterrichtszeit für Hausaufgabenkontrollen verwendet wurde, entstehen nun Freiräume für individuelle Gespräche und Unterstützung.
Während ein Teil der Klasse selbstständig arbeitet, kann ich mich gezielt einzelnen Schülerinnen und Schülern widmen. Oft setze ich mich einfach neben einen Lernenden und lasse mir erklären:
- Wo stehst du gerade?
- Was ist das Ziel der Aufgabe?
- Warum hast du diesen Lösungsweg gewählt?
- Wo genau liegt dein Problem?
Diese Gespräche ermöglichen eine wesentlich genauere Beobachtung von Lernprozessen als viele klassische Unterrichtssituationen. Gleichzeitig entstehen dadurch fundierte Grundlagen für die Bewertung mündlicher Leistungen.
Auch Formen der Binnendifferenzierung werden einfacher. Während ein Teil der Klasse am Wochenplan arbeitet, kann ich mit kleineren Gruppen bestimmte Aufgabentypen nochmals an der Tafel besprechen oder individuelle Fördermaßnahmen durchführen.
Besonders interessant ist dabei, dass Schülerinnen und Schüler zunehmend voneinander lernen. Werden bestimmte Fragen mehrfach gestellt, kann ich häufig auf Mitschülerinnen und Mitschüler verweisen, die das Problem bereits verstanden haben. Schritt für Schritt entsteht dadurch eine Lernkultur, in der sich die Klasse gegenseitig unterstützt.
Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler profitieren ebenfalls. Wer sein Punkteziel frühzeitig erreicht, kann zusätzliche Knobelaufgaben bearbeiten oder die gewonnene Zeit für andere schulische Aufgaben nutzen. Je nach Lerngruppe erreichen etwa 10 bis 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler ihre Wochenziele deutlich früher als vorgesehen.
Digitale Unterstützung statt Digitalisierung um der Digitalisierung willen
Die eigentliche Wochenplanarbeit funktioniert grundsätzlich auch analog. Gerade in den Jahrgangsstufen 5 und 6 würde ich sogar weiterhin eine analoge Umsetzung empfehlen.
Digitale Werkzeuge vereinfachen jedoch viele organisatorische Prozesse erheblich. In meinem Unterricht erfolgt die Abgabe über mebis. Rückmeldungen werden über die Aktivität Feedback in mebis organisiert. Die Dokumentation der erreichten Punkte schafft Transparenz und ermöglicht den Schülerinnen und Schülern jederzeit einen Überblick über ihren Lernstand.
Die Digitalisierung übernimmt dabei organisatorische Aufgaben. Der pädagogische Mehrwert entsteht jedoch weiterhin durch die Struktur des Unterrichts.
Worauf man achten sollte
Die Einführung einer Wochenplanarbeit benötigt eine klare Struktur und Konsequenz.
Insbesondere die ersten vier Wochen sind entscheidend. Arbeitsabläufe müssen eingeübt, digitale Abgaberoutinen etabliert und Erwartungen klar kommuniziert werden. Wer Wochenplanaufgaben nicht abgibt, muss zeitnah Rückmeldung erhalten!
Ebenso wichtig ist die Qualität der Aufgaben. Die Schülerinnen und Schüler müssen grundsätzlich in der Lage sein, selbstständig damit zu arbeiten. Wochenplanarbeit bedeutet nicht, Lernende sich selbst zu überlassen. Im Gegenteil: Sie erfordert eine hohe Präsenz und Aufmerksamkeit der Lehrkraft.
Grenzen und Herausforderungen
Trotz vieler Vorteile ist die Wochenplanarbeit kein Selbstläufer. Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist der organisatorische Aufwand. Die Wochenpläne müssen erstellt, hinsichtlich Schwierigkeitsgrad und Bepunktung durchdacht und vor ihrem Einsatz selbst bearbeitet werden, um den tatsächlichen Arbeitsaufwand einschätzen zu können.
Auch die Kontrolle der Wochenpläne entfällt nicht vollständig. Zwar korrigieren die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben selbstständig anhand bereitgestellter Lösungen und kennzeichnen Verbesserungen in einer anderen Farbe. Die Lehrkraft kontrolliert daher nicht jede einzelne Rechnung auf Richtigkeit. Dennoch müssen die Abgaben auf Vollständigkeit überprüft und die erreichten Punkte dokumentiert werden. Gerade zu Beginn kostet dies zusätzliche Zeit.
Aus meiner Erfahrung wird dieser Aufwand jedoch durch die gewonnene Unterrichtszeit mehr als ausgeglichen. An die Stelle von Hausaufgabenkontrollen treten pädagogisch wertvolle Gespräche, individuelle Förderung und eine deutlich bessere Beobachtung der Lernprozesse.
Fazit
Digitale Wochenplanarbeit ist aus meiner Sicht in erster Linie kein Digitalisierungsthema, sondern ein Differenzierungsthema.
Digitale Werkzeuge helfen dabei, Organisation, Dokumentation und Transparenz zu verbessern. Der eigentliche Gewinn besteht jedoch darin, dass Übungszeit in den Unterricht verlagert wird. Dadurch werden Lernprozesse sichtbarer, Unterstützung gerechter und individuelle Förderung einfacher.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Effekt der Wochenplanarbeit: Sie verschafft uns Lehrkräften wieder mehr Zeit für die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern – und weniger Zeit für die Kontrolle von Hausaufgaben.
Wenn Sie weitere Fragen zu dem Thema der digitalen Wochenplanarbeit haben, können Sie Herrn Stefan Klein gerne über unsere Homepage kontaktieren.